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L E S E P R O B E
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Leise vor mich hin summend lasse ich meinen Blick über die fließenden zartrosa Vorhänge, den grazilen Schreibtisch aus pastellfarben schillerndem Muranoglas, die Plüschgarnitur und die große Vitrine gleiten. Dass die hübsche Rundbauchvase zersplittert ist, tut mir ehrlich leid. Schließlich weiß ich nur zu gut, wie sehr Madame Ludmille an ihren Glasgefäßen hängt. Gerade deshalb erstaunt es mich aber auch, dass sie so streng mit mir ist und von mir verlangt, dass ich alles wieder herausgebe, was mir gefällt.
„Du bist nun seit über fünfunddreißig Jahren an dieser Schule und hast immer noch nicht verstanden, worum es geht, mein Kind“, reißt Madame Ludmilles Stimme mich aus meinen Überlegungen.
Ich bemerke, dass sie sich kerzengerade aufgerichtet hat. Ihre normale, leicht durchsichtige Gesichtsfarbe ist zurückgekehrt. Außerdem hat sie ihre Haare in Ordnung gebracht und der Blick aus ihren blauen Augen ruht nun sanft und klar auf mir.
„Ein junger Flaschengeist darf sein Herz nicht an Dinge hängen!“, fährt sie in leicht säuselndem Tonfall fort. „Seine Aufgabe besteht einzig und allein darin, einem Menschen Dinge zu beschaffen oder Wünsche zu erfüllen. Erst sehr viel später, wenn er lange genug gedient hat und seine Persönlichkeit gefestigt ist, bekommt er einen Lohn für seine Arbeit und darf sich selbst auch einmal etwas gönnen.“
Ich stelle meine Ohren auf Durchzug. Ein junger Flaschengeist … lange genug gedient … blablabla … Wie oft habe ich mir das nun schon anhören müssen! Stöhnend verdrehe ich die Augen.
„Zum heiligen Gespenst von Canterville! Dann wirst du eben deinen Dienst jetzt schon antreten!“, brüllt Madame Ludmille.
Ich zucke zusammen. Erschrocken richte ich meine Augen wieder auf die Direktorin.
„Und ich rate dir eines“, fährt sie mit erhobenem Zeigefinger fort. „Nimm deine Aufgabe ernst und lass dich nicht verführen. Denn sonst wirst du nie wieder nach Hause zurückkehren können!“
… können … können … können … hallt es in meinem Kopf nach. Ich sehe, wie Madame Ludmille schwungvoll ihren Arm hebt und mit einem Schlag bin ich außerstande, mich zu bewegen. Meine Fußsohlen scheinen mit dem Boden verwachsen zu sein, meine Arme hängen steif an mir herunter und mein Blick fühlt sich wie eingefroren an.
Jetzt bist du wirklich aus Glas, Ginie, durchzuckt es mich. Ich fixiere Madame Ludmilles Mund, der sich langsam öffnet. Starr vor Entsetzen warte ich auf den Schrei, der mich in ebenso viele winzige Scherben zerspringen lässt wie eben die venezianische Rundbauchvase.
Der Mund der Direktorin wird größer und größer. Riesige weiße Zähne und eine dunkelrote, bedrohlich anschwellende Zunge kommen zum Vorschein. Im nächsten Moment spüre ich ein Knacken in den Gelenken. Meine stocksteifen Arme werden mit aller Kraft gegen meinen Körper gepresst und ein jäher Schmerz durchfährt meine Beine.
Mit wild pochendem Herzen warte ich darauf, dass ich zersplittere, doch stattdessen fange ich an, mich um die eigene Achse zu drehen. Immer schneller wirbele ich um meine Mitte, während Madame Ludmille zu einer Riesin heranwächst. Ihr mächtiger Busen wogt über mir, der mit großen bunten Blumen bedruckte Rock umflattert mein Gesicht, und ihre silberfarbenen Schnallenschuhe sind mit einem Mal so riesig, dass sie mich mühelos zertreten könnten.
„Neiiin!“, schreie ich. „Bitte, bitte nicht!“
Ruckartig werde ich abgebremst und plötzlich kann ich mich wieder bewegen. Ein Sog packt mich und zerrt mich in die Tiefe. Ich vernehme eine Art Schraubgeräusch und im nächsten Moment bohrt sich der beißende Geruch von Essiggurken in meine Nase.
„Sind Sie verrückt geworden?“, wettere ich. „Was zum Teufel machen Sie denn mit …?“
Das letzte Wort bleibt mir im Hals stecken. Ich spüre einen kräftigen Stoß, dann sause ich wie von einem Katapult abgeschossen durch einen weißen Tunnel. Wolkenfetzen tanzen um mich herum, und ein greller Sonnenstrahl blendet mich so stark, dass ich die Augen schließen muss. Einen Herzschlag später höre ich auf zu existieren.

Ich halte die Luft an und versuche einen Punkt am Horizont zu fixieren, damit mir nicht schwindelig wird, und plötzlich knallt das Glas gegen einen harten Gegenstand. Vor Schreck fange ich wieder an zu atmen und stelle fest, dass ich zwischen einem Paar riesiger abgewetzter grauer Turnschuhe gelandet bin.
„Hoppla, wo kommst du denn her?“, fragt die wundervollste Stimme, die ich je vernommen habe.
Ich richte meinen Blick nach oben und bemerke zwei hübsche bernsteinfarbene Augen, die von einem dichten Kranz schwarzer Wimpern umgeben sind, und darunter einen breit lachenden Mund. „Heya, hallo …“, krächze ich. „Könntest du wohl den Deckel …“
Weiter komme ich nicht, denn nun bückt sich der Junge, zu dem die Bernsteinaugen gehören, und greift nach mir. Und wieder stockt mir der Atem.
„Hey, was hast du denn da gefunden?“, ruft jemand hinter uns. „Etwa eine Flaschenpost?“
Ich wirbele herum und sehe direkt in die grinsenden Gesichter der drei Kichermädchen, die vorhin schon mal an mir vorbeigelaufen sind.
„Keine Ahnung“, erwidert der Junge. „Sieht eher aus wie ein Gurkenglas.“
„Zeig doch mal“, fordert die Kleinste des Mädelterzetts ihn auf. Sie hat schulterlange dunkle Haare und haufenweise dunkle Tupfen im Gesicht – und sie ist mir genauso unsympathisch wie ihre beiden Freundinnen: eine schlaksige Blonde mit Brille und eine pummelige Rothaarige, die an einer Zuckerstange lutscht.
Hastig drehe ich mich um, denn ich will den Jungen anschauen. Seine goldglänzenden Augen sehen mich ebenfalls an. Immer näher kommt sein Gesicht, immer größer werden Augen, Nase und Mund. Ich sauge mich an seinem Blick fest und mein Herz fängt wie wild an zu klopfen.
Befreie mich!, flehe ich lautlos. Hol mich hier raus! Ganz egal, was du dir von mir wünschst, ich will liebend gerne alles für dich tun!
„Glaub mir, da ist nichts drin“, sagt er. „Außer einer kleinen Pfütze.“
„Gurkenwasser?“, vergewissert sich eines der Mädchen und kichert. – Grrr! Kann mir vielleicht mal jemand erklären, was daran so lustig sein soll?
„Jedenfalls kein Zettel mit einer Botschaft“, sagt der Junge und stellt das Glas in den Sand zurück.
Nein!, beschwöre ich ihn. Du musst mich behalten! Auch wenn du das Glas vielleicht nicht öffnen willst, nimm mich doch bitte mit zu dir nach Hause und stell mich auf deinen Nachttisch. Ich möchte in deiner Nähe sein. Tag und Nacht, Sekunde für Sekunde. Ich möchte dich auf Schritt und Tritt begleiten, deinen Schlaf bewachen, dir alle Wünsche erfüllen, die über deine wundervollen Lippen gekommen sind.
Herrje! Ich hoffe ja sehr, dass Madame Ludmille nicht ausgerechnet jetzt zu mir herunterschaut. Wahrscheinlich würde sie denken, dass ich von allen guten Geistern verlassen bin.
„Vielleicht hast du nur nicht richtig hingeguckt“, sagt das Mädchen mit den Tupfen im Gesicht. „Könnte ja auch so was wie ein Geist drin sein.“
Der Junge kratzt sich am Kopf. „Du meinst so etwas wie ein Flaschengeist?“, erwidert er.
Ja! Ja! Ja!
Augenblicklich fange ich wieder an zu hüpfen und zu winken.
Siehst du mich denn nicht?
Unschlüssig betrachtet er das Glas. Schließlich zuckt er mit den Schultern und reicht es Tupfi lächelnd. „Ich finde, dann solltest du ihn befreien.“ Er nickt den Mädchen noch einmal zu, schiebt die Hände in seine Hosentaschen und schlendert davon.
Oh nein!
„Oh nein!“, quieken die drei im Chor. Dann schlagen sie sich alle gleichzeitig die Hand vor den Mund und sehen dem Jungen erschrocken hinterher.
Aber entweder hat er sie nicht gehört oder er lässt sich nichts anmerken. Jedenfalls dreht er sich – leider! – nicht mehr zu uns um.
„Ich wette, das war ein Hinweis“, sagt die Pummelige.
„Quatsch“, erwidert Tupfi, doch die schlaksige Blonde nickt eifrig. „Er möchte bestimmt, dass du dir wünschst …“ Sie bricht ab und fängt an zu kichern.
„Ach, ihr seid blöd“, brummt Tupfi und beugt sich zu mir herunter. Ehe ich mich versehe, hat sie das Gurkenglas gepackt und nur einen Lidschlag später finde ich mich in ein milchig weißes Licht getaucht zwischen hunderten von Engelsflügelmuscheln wieder.
„Blöd – ach ja?“, höre ich Schlaksi provozierend fragen. „Und warum hast du das Glas dann eingesteckt?“
„Nur so“, sagt Tupfi.
Die Tüte schwenkt sanft hin und her und ich schließe daraus, dass die Mädchen sich wieder in Bewegung gesetzt haben.
„Quatsch doch keinen Kürbis“, sagt Pummi. „Du machst nie etwas nur so.“
„Dann ist es jetzt eben das erste Mal“, entgegnet Tupfi trotzig.
Eine Weile herrscht Schweigen, nur ihre Schritte knirschen im Sand.
„Aus dir soll mal einer schlau werden“, sagt Schlaksi schließlich.
Tupfi stöhnt. „Ist ja wohl meine Sache, oder?“
„Nur die Ruhe“, beschwichtigt Pummi die beiden. „Kein Grund zu streiten.“
„Ja, ja, schon gut“, meint Schlaksi. „Und was machen wir jetzt?“
„Ich geh nach Hause“, antwortet Tupfi. „Ich muss noch für den Vokabeltest lernen.“
„Aber doch nicht vier Stunden!“, stößt Schlaksi hervor.
„Und wenn schon.“
Ts!“, macht Pummi. „Alix, merkst du’s denn nicht? Sie will alleine sein!“
„Was? Mit dem Gurkenglas?“, platzt Schlaksi heraus.
„Quatsch, mit ihren Gedanken!“
„Ist ja wohl meine Sache“, wiederholt Tupfi. „Bis morgen.“
Ihre Schritte werden schneller und die Tüte schwenkt nun heftig hin und her.
„Bis morgen!“, rufen Pummi und Schlaksi. „Und lern schön!“
„Haha“, macht Tupfi und lautes Gebimmel erklingt.
Ich höre keine Schritte mehr, dafür kriegt die Tüte jetzt richtig Fahrt drauf, und einen schmerzhaften Augenblick später wird mir klar, dass ich den Jungen und seine wunderschönen Bernsteinaugen wahrscheinlich nie mehr wieder sehen werde.

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