L E S E P R O B E

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Jolande – Der Sommer meines Lebens
Die Vitrine stand im Durchgang zu Susanne und Gregors Privattrakt. Sie war aus dunklem, leicht glänzendem Holz und besaß drei Schubladen – eine lange schmale und zwei nahezu quadratische – und dazwischen eine Doppeltür, hinter der sich ein Einlegeboden verbarg. Der Schlüssel, den Belinda in die Schachtel gelegt hatte, gehörte zu einer der beiden quadratischen Schubladen. „Man sollte meinen, dass diese hier auf alle Schubladen passen“, sagte
Susanne Liebing und deutete auf die beiden steckenden Schlüssel. „Doch Fehlanzeige.“ Sie sah mich durchdringend an.
„Hast du ihn wirklich nur zufällig gefunden?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ja, schon. Allerdings …“
„Was?“
„Na ja, er lag in einer Schachtel. Zusammen mit einem Brief von Belinda.“
„So?“ Um Susannes Augenwinkel bildeten sich winzige Lachfältchen. „Na dann …“, sagte sie und gab mir den Schlüssel zurück. „Dann werde ich dich mal mit Belindas Überraschung allein lassen. Außerdem hast du ja selber gesehen, was im Restaurant los ist. Ich fürchte, das wird bis in den späten Abend so weitergehen“, sprudelte sie hervor, während sie sich langsam in Richtung Eingangsbereich zurückzog.
Ich blickte ihr einen Moment nach, dachte an den merkwürdigen Blick, den sie und Gregor miteinander getauscht hatten, und ob es sich lohnte, ihm eine tiefere Bedeutung beizumessen.
Und selbst wenn, sagte ich mir. Ich würde sowieso nicht dahinterkommen. Und verraten würden die beiden mir auch nichts. Sie waren ein Teil dieses Spiels, worauf auch immer es am Ende hinauslaufen mochte. Ich konnte es ja jederzeit abbrechen – wenn ich wollte.
Meine Finger zitterten, als ich den Schlüssel ins Loch schob und ihn herumzudrehen versuchte. Er hakte zunächst, erst als ich ein wenig daran ruckelte, ließ er sich drehen. Langsam zog ich die Schublade heraus.
Ich sah pinkfarbenes Seidenpapier und eine Karte mit einem roten Herz darauf. Unwillkürlich schloss ich die Augen. Natürlich dachte ich sofort an Mika, sah sein erstauntes Gesicht bei Sport Jönnies am Ende der Rolltreppe, das Weggleiten seines Blicks, wenn ich in der Schule versehentlich zu ihm hinüberschaute, und wie er auf dem Felsen saß. Und ich dachte an die Nacht in Mams Wohnung, als ich ihn in meiner Vorstellung mit unter meine Bettdecke genommen hatte.
„Bitte, bitte, bitte …“, murmelte ich. „Lass ihn Belinda sein.

Dabei war das völlig idiotisch! – Woher sollte er meinen zweiten Namen kennen?
Von Anouk zum Beispiel! – Nein! Ich schüttelte den Kopf, riss die Augen wieder auf und trommelte mir gegen die Stirn. Hör auf, so etwas zu denken!, ermahnte ich mich wütend. Schlag ihn dir aus dem Kopf! Er interessiert sich nicht für dich. Das hat er dir klar und deutlich gezeigt. Mika ist nicht Belinda. Das ist alles nur ein blöder Zufall!
Entschlossen griff ich nach der Karte und drehte sie herum.

Ich legte die Karte neben mich auf den Boden, schlug das Seidenpapier zur Seite und nahm nacheinander folgende Gegenstände aus der Schublade:

1. eine hautenge schwarze
2. eine schwarze Spitzenkorsage
3. eine durchsichtige pinkfarbene Chiffonbluse
4. pinkfarbene Stilettos
5. eine wasserstoffblonde Pagenschnittperücke
6. eine hüftlange schwarze Lackjacke
7.
ein Kultur-Reiseset, das je eine 50ml-Flasche Shampoo, Duschgel und 7. Körperlotion in der Duftrichtung exotisch-verführerisch enthielt
8.
Schminkzeug bestehend aus pinkfarbenem Lippenstift, rauchblauem Lidschatten, schwarzem Eyeliner und schwarzer Wimperntusche

Eine Weile saß ich wie paralysiert da und starrte fassungslos auf die Sachen. Das konnte unmöglich Belindas Ernst sein. Ich würde mich eher tot in die nächste Hecke legen als dieses Nuttenzeug anzuziehen. Wenn sie mich wirklich kannte, musste sie das wissen, aber offensichtlich kannte sie mich nicht gut genug.
Und Mika würde ja wohl niemals auf die bescheuerte Idee kommen, mich zu einem Date mit ihm in einem solchen Outfit antanzen zu lassen. Nein, es musste sich tatsächlich um einen reinen Zufall handeln, dass er jetzt ebenfalls hier und zudem noch der Neffe von Susanne Liebing war.
Doch wie auch immer, fest stand: Belinda wollte mich provozieren, herausfinden, wie weit sie es mit mir treiben konnte …
… Tja, und damit stand ich wieder einmal vor der alles entscheidenden Frage: Wie weit würde ich gehen?
Eigentlich wäre dies der Punkt gewesen, die Sache endgültig zu schmeißen. Doch obwohl Belinda mich mit jeder neuen Aufgabe weiter über meine eigenen Grenzen hinaustrieb, fiel es mir immer schwerer, aus diesem Spiel auszusteigen.
Ich drückte die Schublade in den Vitrinenschrank zurück, raffte die Sachen an mich und eilte nach oben in mein Zimmer. Inzwischen war es halb zwölf und ich verspürte noch immer keinen Hunger. Im Gegenteil, mein Magen fühlte sich wie zugeschnürt an.
Was würde geschehen, wenn ich heute Abend einfach ungeschminkt und in meinen normalen Klamotten an der Rezeption auftauchte? Würde ich trotzdem einen weiteren Brief von meiner geheimnisvollen Freundin erhalten? Gab es womöglich sogar zwei Briefvarianten, eine für die Freak- und eine für die Normalo-Version? Präzise ausgedrückt: Hatte ich durch mein Verhalten vielleicht sogar einen gewissen Einfluss auf den weiteren Verlauf dieses Spiels?
Ich ließ die Klamotten aufs Bett fallen, warf mich bäuchlings daneben und vergrub mein Gesicht im Kopfkissen. So konnte ich am besten nachdenken.
Angenommen, ich würde nachher in meinen eigenen Klamotten hinuntergehen und an der Rezeption eine Notiz vorfinden, auf der mir mitgeteilt wurde, dass ich für den Fall, dass ich auf meine Belohnung nicht verzichten wolle, nun leider einen Eimer Nacktschnecken essen müsse, noch lebende versteht sich … Was würde ich dann tun? Wäre das nicht noch schlimmer als diese schrecklichen Sachen anzuziehen?
Was sprach denn eigentlich dagegen, die Klamotten nicht wenigstens mal auszuprobieren? Hier in diesem Zimmer war ich für mich allein, eine Kamera hatte ich nicht gefunden, warum also sollte ich mich nicht einfach für eine Weile in meine Kindheit zurückversetzen? Der einzige Unterschied zu früher war doch lediglich, dass am Ende dieses Verkleidungsspiels keine Prinzessin herauskam.

Ich drehte mich auf den Rücken und starrte zur Decke hinauf. Ungefähr sechs Stunden blieben mir noch, um eine endgültige Entscheidung zu treffen. Sechs Stunden … Ich schloss die Augen und gähnte. Wenige Sekunden später war ich bereits eingeschlafen.

Ich wachte auf, weil mein Handy dudelte. Schlaftrunken setzte ich mich auf und zog den Rucksack zu mir heran. Es war Paps, der aus Stockholm anrief.
„Hallo, mein Schatz!“, rief er fröhlich. „Alles klar bei dir?“
„Ja, ja“, sagte ich, während ich mir die Haare aus der Stirn strich und auf meine Armbanduhr schielte. Es war zwanzig nach vier, und mein Magen fühlte sich an, als ob jemand ein Loch hineingegraben hätte.
„Du hörst dich aber gar nicht gut an“, erwiderte mein Vater.
„Ich habe geschlafen“, sagte ich.
„Um diese Zeit?“, wunderte er sich. „Du hast dich doch noch nie nachmittags hingelegt. Bist du etwa krank? Kümmert sich deine Mutter um dich?“
„Nein.“
„Was?“
„Ich bin nicht krank, Paps“, versuchte ich, ihn zu beruhigen. „Mam ist total cool. Und außerdem bin ich gerade bei Anouk. Das habe ich dir doch geschrieben.“
„Ja, das hast du“, bestätigte er. „Du bist also immer noch dort?“
Ich gähnte und nickte, dann fiel mir ein, dass er das nicht sehen konnte, und sagte: „Anouk und ich, wir sind gestern aus gewesen und danach haben wir noch bis Sonnenaufgang in ihrem Zimmer gesessen und gequatscht. Das war echt toll.“
„Ach so“, sagte mein Vater. „Deshalb habt ihr so lange geschlafen.“
„Genau. Und was ist mit euch? Verstehst du dich gut mit Marta?“
„Ja, aber darüber reden wir später“, antwortete er. Er hörte sich gehetzt an, und ich konnte mir denken, wieso. Marta und er verstanden sich prächtig und wollten sich am liebsten gar nicht mehr trennen. Im Klartext hieß das: Sie hatten bereits darüber nachgedacht zusammenzuziehen.
„Ich bin einverstanden“, sagte ich. Alles andere wäre sowieso sinnlos.
„Womit?“, fragte Paps irritiert.
„Mit euren Plänen.“
„Aber du weißt doch noch gar nicht …“, setzte er an.
„Ich kann es mir denken“, fiel ich ihm ins Wort.
„Okay …“, sagte er zögernd. „Okay. Wir reden darüber, sobald Marta und ich aus Schweden zurück sind. In Ordnung?“
„Ja, klar“, betonte ich. Ich meinte es wirklich so, aber offenbar transportierte meine Stimme etwas anderes.
„Du klingst so komisch“, meinte Paps nämlich. „Läuft zwischen dir und deiner Mutter auch wirklich alles rund? Ich möchte auf keinen Fall, dass du wegen Marta und mir die Zähne zusammenbeißt und …“
„Mach dir keine Sorgen“, unterbrach ich ihn abermals. „Es geht mir gut. Ich freue mich, dass ihr Spaß habt, und mit Mam und mir ist wirklich alles bestens.“
Am anderen Ende wurde es still. So still, dass ich meinen Vater atmen hören konnte.
„Also, wenn du jetzt lieber bei ihr wohnen willst“, begann er schließlich, „dann wäre das eine Entscheidung, die ich natürlich respektiere. Und Marta würde das bestimmt nicht persönlich nehmen.“
„Pahaps!“, rief ich.
„Schon gut, schon gut“, beeilte er sich zu sagen. „Wir reden am Donnerstag.“
„Fein“, erwiderte ich. „Bis dann. Viel Spaß weiterhin und liebe Grüße an Marta.“
Ich hörte ihn gerade noch tschüss rufen, dann hatte ich ihn bereits weggedrückt. Mein Kopf war so angefüllt mit anderen Dingen, ich konnte jetzt einfach nicht über so etwas reden.
Marta, Paps und ich unter einem Dach. Hm, das war bestimmt nicht völlig problemfrei, aber man musste es auch nicht gleich dramatisieren. Schon gar nicht am Telefon.
Lustig fand ich allerdings schon, dass mein Vater sich plötzlich Gedanken darüber machte, dass ich unter den neuen Gegebenheiten womöglich zu Mam ziehen könnte. Sich dieser Veränderung in seinem und damit auch in meinem Leben zu öffnen, bereitete ihm offenbar genauso viel Unbehagen wie mir. Aber wen sollte das wundern? Wir waren schließlich aus dem gleichen Holz geschnitzt.
Ich legte das Handy zur Seite und zog die Spitzenkorsage und die Chiffonbluse zu mir herüber.
„Warum ausgerechnet pink?“, murmelte ich, während mein Blick auf die Stilettos fiel. In solche Dinger hatte ich meine Füße noch nie gequält, nicht einmal spaßeshalber beim Streifzug durch die Schuhgeschäfte. Wahrscheinlich würde ich gleich beim ersten Schritt das Gleichgewicht verlieren und mir beim Sturz in die Tiefe den Hals brechen.
Seufzend warf ich die Bluse und die Korsage auf den Klamottenstapel zurück. In spätestens zwei Stunden musste ich mich entschieden haben. Aber zuerst sollte ich zusehen, dass ich etwas in den Magen bekam, sonst würde ich wegen akuter Unterzuckerung schon bald keinen klaren Gedanken mehr fassen können.

Nachdem ich kurz unten im Restaurant Bescheid gesagt hatte, war Gregor so nett gewesen und hatte mir eine Portion Nudeln mit Gemüsesoße aufs Zimmer bringen lassen. Sie schmeckten köstlich und am liebsten hätte ich mir noch einen Nachschlag geholt, aber allmählich drängte die Zeit.
Ich überzeugte mich davon, dass ich die Zimmertür auch tatsächlich wieder verriegelt hatte, dann schlüpfte ich ins Bad, stellte die Dusche an und ließ mir wohltuend warmes Wasser über Haut und Haare rieseln. Anschließend drehte ich den Verschluss der Shampooflasche ab und hielt vorsichtig schnuppernd meine Nase über die Öffnung. Zu meiner Überraschung war der Duft exotisch-verführerisch weit weniger penetrant als ich befürchtet hatte und so schäumte ich kurzerhand meine Haare damit ein.
„Wozu eigentlich der Aufwand, Belinda?“, fragte ich meine unbekannte Geisterfreundin. „Wenn ich die ganze Pracht gleich eh unter diese dusselige Perücke stopfen soll?“
„Vielleicht machst du es ja gar nicht“, antwortete ich mit hoher verstellter Stimme. „Du musst ja nicht zwangsläufig alles tun, was ich dir sage, oder?“
„In dem Punkt hast du absolut recht, Belinda“, erwiderte ich und seifte meinen Körper ein. „Ich werde weder das blöde Haarteil tragen noch die Stilettos.“
Alles andere würde ich mir in Ruhe anschauen. Vielleicht ließ sich ja tatsächlich ein Kompromiss finden.

Eine halbe Stunde später steckte ich gecremt und gefönt in Röhrenjeans, Korsage und Bluse. Die Sachen passten wie angegossen, und abgesehen davon, dass sie absolut nicht mein Geschmack waren, standen sie mir eigentlich ziemlich gut.
„Okay, Belinda“, sagte ich, während ich meine Korsagenbrüste herausstreckte und vor dem Spiegel auf und ab spazierte. „Wie viel Dekolleté soll ich denn deiner Meinung nach zeigen? Oder darf ich die Bluse eventuell sogar bis oben hin zuknöpfen?“
Ich tat es und siehe da, es war gut. Es war sogar sehr gut. Die Bluse hatte einen kleinen Kragen. Zugeknöpft wirkte sie wie eine Hemdbluse. Und zu meiner großen Freude war der zarte Chiffonstoff auch gar nicht so durchsichtig wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Die Spitzenkorsage darunter ließ sich jetzt jedenfalls nur noch erahnen.
Auf Lidschatten und Lidstrich verzichtete ich ebenfalls, tuschte die Wimpern am oberen Lid, tupfte ein wenig Gloss auf meine Lippen und wuschelte mir noch einmal durch die Haare. Anschließend schlüpfte ich in meine grauen Chucks und die Lackjacke und stellte mich noch einmal vor den Spiegel.
Der Anblick war ungewohnt, und ich fühlte mich auch absolut übertrieben aufgebrezelt, aber ich fand mich nicht fremd, sondern konnte hinter dieser Maskerade die alte Johanna durchaus noch erkennen. Bestimmt war es nicht das, was Belinda sich vorgestellt hatte, aber mehr war mit mir nicht zu machen.
Es war zehn vor sieben und ich hatte meine Entscheidung gefällt. Wenn Belinda mein Outfit akzeptierte, war ich bereit für den nächsten Schritt.
Doch zuerst rief ich meine Mutter an. Ich erzählte ihr, dass ich ausging und versprach, dass ich ihr später, wenn ich wieder zurück war, eine SMS schicken würde.
„Viel Spaß, mein Mädchen“, sagte sie. Ihre Stimme klang warm, fast zärtlich. „Ich freue mich, wenn du wieder daheim bist und mir hoffentlich alles erzählen magst.


Die Wärme in Mams Stimme, vor allem aber ihre Wortwahl, schwang noch eine ganze Weile in mir nach. Ich konnte mich nicht erinnern, dass sie jemals auf diese Art mit mir gesprochen hatte. Eigentlich hätte es mich misstrauisch machen müssen, aber das tat es nicht, sondern ganz im Gegenteil: An diesem Abend hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass es mit uns doch noch etwas werden könnte.
Wie auf Wolken schwebte ich die Treppe hinunter zur Rezeption. Der Tresen war nicht besetzt. Aus dem Gastraum drangen Musik, Stimmen und Gelächter. Es schien ein guter, umsatzreicher Tag für Susanne und Gregor zu werden. Da fiel mir ein, dass ich den Nudelteller und das Besteck in meinem Zimmer vergessen hatte. Mist! Unschlüssig sah ich zur Treppe. Ich wollte mich gerade dazu entschließen, noch einmal hinaufzulaufen, da fiel mir der kleine hellblaue Briefumschlag ins Auge, der unter der Handklingel klemmte.
Ich trat an den Tresen und zog ihn hervor.

eine Reise ins Blaue

stand in Belindas leicht verschnörkelter Schrift darauf. Ich öffnete ihn und zog einen rosafarbenen Zettel hervor, der etliche Male zusammengefalzt und mit der Handkante oder einem harten Gegenstand geglättet worden war.
Diesmal brauchte ich eine Weile, bis ich ihn auseinandergefaltet hatte und lesen konnte.


Okay, Jolande,  ich hab mir schon gedacht, dass Du auf den Dingern nicht laufen kannst,  einen Versuch war es trotzdem wert ;-)Du siehst auch so toll aus, oder findest Du nicht? Und ich wette, Du wirst einen seeehr aufregenden Abend verbringen.  Du solltest Dich beeilen, Dein Taxi wartet bereits. Bis später  Deine beste Freundin Belinda

Mein Taxi? Ich wirbelte herum. In der Tür stand ein Mann, etwas älter als Paps. Er trug einen grauen Sweater und darüber eine dunkle Lederweste. Lächelnd deutete er nach draußen.
„Lady Jolande?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Oh, Verzeihung, Sie sind nicht Lady Jolande?“, fragte er ehrlich erstaunt.
„Jolande“, erwiderte ich und versuchte ebenfalls ein Lächeln. „Jolande reicht völlig. Ich habe mich nur gewundert, dass Sie meinen Namen kennen.“
„Dann bitte ich nochmals um Entschuldigung“, sagte er. „Aber ich hatte eine klare Anweisung.“
„Aha?“
„Ja“, sagte er. „Kommen Sie jetzt bitte … Die Uhr läuft. Sie wollen doch sicher nicht, dass sich Ihre Freundin unnötig in Unkosten stürzt.“
Da war sie wieder, diese Wut, die so urplötzlich in mir hochkochte und mich umso zorniger machte, je weniger ich sie kontrollieren konnte. „Ts!“, stieß ich hervor. „Ich habe sie nun wirklich nicht darum gebeten, mich von einem Taxi durch die Gegend fahren zu lassen.“ Mit gesenktem Kopf und zusammengebissenen Zähnen stapfte ich an ihm vorbei nach draußen.
„Ich nehme aber mal an, sie hat Sie auch nicht gezwungen“, hörte ich den Fahrer hinter mir sagen. Er umrundete mich und lief auf den cremefarbenen VW-Passat zu, der blinkend am Straßenrand stand. „Möchten Sie vorn oder lieber hinten sitzen?“
„Hinten“, erwiderte ich knapp und schlüpfte durch die Tür, die er mir aufhielt, auf die Rückbank.
Ich wartete, bis der Fahrer ebenfalls eingestiegen war, und sagte: „Es tut mir leid, dass ich so unfreundlich war. Sie können schließlich nichts dafür.“
„Das will ich meinen“, grunzte er, setzte den Blinker, wendete den Wagen und verließ den Ort in östlicher Richtung.
Ich schaute durch die Frontscheibe auf die Straße hinaus, die wie eine Allee auf beiden Seiten von Bäumen gesäumt war. Linker Hand zog sich der Küstenstreifen entlang und auf der rechten Seite lagen vereinzelt ein paar Häusergruppen und Gehöfte wie bunte Tupfen in der grünen Landschaft.
„Sie dürfen mir natürlich nicht sagen, wohin wir fahren?“, tastete ich mich vor.
„Nein.“ Der Fahrer zuckte bedauernd mit den Schultern.

Ich seufzte leise. „Kennen Sie denn Ihre Auftraggeberin?“
Er hob den Kopf, wahrscheinlich weil er versuchte, mich durch den Rückspiegel anzusehen, aber ich saß zu weit rechts, und so warf er einen kurzen Blick über seine Schulter. „Sie meinen Ihre Freundin?“
„Sie ist nicht meine Freundin“, murmelte ich, aber offenbar verfügte er über den Hörsinn eines Hundes, denn er hatte es trotzdem verstanden.
„Warum folgen Sie ihren Anweisungen dann?“
„Weil ich wissen möchte, wer sie ist“, sagte ich frei heraus.
Die Wangen des Fahrers hoben sich, woraus ich schloss, dass er lächelte.
„Es handelt sich also um eine Art Spiel?“
„Ganz genau.“
„Und was werden Sie tun, wenn Sie es herausgefunden haben?“, wollte er wissen.
Diese Frage traf mich völlig unvorbereitet, obwohl sie zugegebenermaßen absolut nahe liegend war.
„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht“, musste ich vor allem mir selbst gegenüber eingestehen. „Es kommt wohl ganz darauf an …“
„Wer sie ist?“
Ich nickte.
„Und ob es überhaupt eine sie ist?“
Augenblicklich schoss mein Puls in die Höhe. Ich dachte an Mika, dabei hatte ich ihn schon längst ausgeschlossen. Aber ein Fünkchen Hoffnung hatte sich wohl doch in einem entlegenen Winkel meines Herzens festgesetzt.
Wieder hob sich die Wange des Fahrers zu einem Grinsen.
„Oh, Sie hoffen, dass es ein er ist. Ein ganz bestimmter er.“
„Wer hat Sie denn bestellt?“, erwiderte ich und bemühte mich, mir meine Erregung nicht anmerken zu lassen und ganz sachlich zu klingen. „Eine Männer- oder eine Frauenstimme?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
Ich nickte. Natürlich nicht.
„Es kam über die Zentrale rein“, setzte er hinzu.
„Okay“, sagte ich und warf einen Blick auf den Taxameter. Er sprang gerade auf zwölf Euro sechzig. „Ist es noch weit? Oder dürfen Sie mir das auch nicht verraten?“
„Nein … äh, doch.“ Er machte eine abwiegelnde Geste. „Ich meine, wir sind jeden Moment da“, sagte er und deutete zur Frontscheibe hinaus. „Sehen Sie, gleich da vorne auf der linken Seite.“

Ich reckte den Hals. Wir befanden uns noch immer mitten in der Pampa. Nichts deutete auf eine Ortschaft hin. Aber dann bemerkte ich ein ganzes Stück von der Landstraße entfernt hinter einer Baumgruppe das Funkeln bunter Lichter.
Der Fahrer ging vom Gas, bremste den Wagen schließlich ab und bog in einen schmalen Weg ein.
„Was ist denn das hier?“, fragte ich. „Eine Landdisko?“
Der Fahrer lachte auf. „Nein, das nicht“, sagte er. „Getanzt wird allerdings schon.“
Oje, mir schwante Schlimmes. Eine Art ländlicher Tanztreff für Jung und Alt mit Orgelcombo und Discofox – für mich der Supergau!
„Wir können jederzeit umdrehen“, sagte der Fahrer, während wir langsam auf ein flaches Gebäude zurollten, das rundum mit bunten Partybirnen geschmückt war. „In dem Fall müssten Sie die Rückfahrt allerdings selbst bezahlen.“
Er stoppte den Wagen neben einem Parkplatz, auf dem es kaum noch eine Lücke zu geben schien. Direkt neben dem Eingang standen eine ganze Reihe Mopeds und Fahrräder.
„Wann holen Sie mich wieder ab?“, fragte ich rau.
„Das weiß ich nicht.“
Ich starrte auf das Gebäude und ein mulmiges Gefühl legte sich auf meine Brust.
„Aber ich kann doch schlecht die ganze Nacht hierbleiben.“
Der Fahrer legte seinen Arm über die Rückenlehne und drehte sich zu mir um. „Es gibt welche, die können das durchaus“, sagte er. „Bestimmt nimmt Sie später jemand mit nach Bieglitz zurück.“
Ich schluckte. Der Gedanke, mitten in der Nacht zu einem Fremden ins Auto zu steigen, behagte mir überhaupt nicht. Wahrscheinlich würde das nicht einmal meine Mutter besonders witzig finden.
Dem Fahrer entging meine Verunsicherung nicht. „Sie haben doch bestimmt Geld dabei?“, fragte er. „Oder zumindest welches daheim in der Pension?“
Ich nickte.
Er wandte sich wieder nach vorn, griff in die Ablage und reichte mir eine Karte. „Das ist die Nummer der Zentrale. Fragen sie nach Werner Hübner.“
„Sind Sie das?“
Der Fahrer nickte. „Ich bin sowieso die ganze Nacht unterwegs. Ich hole Sie ab, wenn Sie wollen.“
„Danke“, stammelte ich. „Das ist sehr nett.“
Werner Hübner lächelte. „Es ist mein Job. Allerdings sind Sie auch kein ganz uninteressanter Fahrgast“, setzte er hinzu und hielt mir noch eine zweite Karte hin. Sie war ebenso himmelblau wie der Briefumschlag, der unter der Klingel auf dem Rezeptionstresen geklemmt hatte.
„Vielen Dank“, sagte ich noch einmal und deutete auf den Taxameter. „Und diese Fahrt muss ich wirklich nicht bezahlen?“
„Nein, nein.“ Wieder lächelte er. „Ich wünsche Ihnen viel Spaß. Glauben Sie mir, es ist viel netter da drin als es von außen den Anschein hat.“

Ich hätte ihm das gern geglaubt, aber ich brachte es ja nicht einmal über mich hineinzugehen, sondern drückte mich am Parkplatzrand hinter einer hohen Buche herum und überlegte, was ich tun sollte. Dabei war die Anweisung meiner Geisterfreundin glasklar.

Frag nach Belinda. Aber erwarte nicht, dass das Geheimnis damit bereits gelüftet ist.

Ich starrte auf das Leuchtschild mit dem Schriftzug Zur grünen Schenke und hoffte, dass schon jemand herauskommen würde, wenn ich mich nicht blicken ließ, aber als sich eine gefühlte Viertelstunde lang nichts tat, begann ich, nervös zu werden. Dort drinnen wartete jemand auf mich und das würde er sicher nicht ewig tun. Irgendwann würde er wieder gehen, vielleicht sogar, ohne dass ich etwas davon mitbekam. Die meisten Gebäude dieser Art hatten einen zweiten Eingang, und mit ein bisschen Pech befand er sich in diesem komischen Tanzpalast womöglich ausgerechnet auf der Hinterseite.
Wenn ich wirklich wissen wollte, welche Überraschung oder Belohnung meine herzallerliebste Freundin an diesem Abend für mich vorgesehen hatte, musste ich hinein.
Jo, du bist wirklich meschugge, sagte ich mir.
Bei jeder neuen Aufgabe, die Belinda mir stellte, focht ich die gleichen Kämpfe mit mir aus – mit dem immer gleichen Ergebnis. Vielleicht lag die Krux der Sache ja darin, es endlich einmal anders zu machen.
Doch ich konnte einfach nicht und so schaltete ich meinen Denkapparat aus, gab mir einen Ruck und setzte mich in Bewegung. Zielstrebig lief ich auf die Eingangstür zu, drückte sie auf und fand mich in einem breiten, schummerig beleuchteten Flur wieder, in dem es eine Garderobenwand und zwei weitere Türen gab. Beide waren geschlossen. Über der einen stand Tanzbar und über der anderen Speiselokal.

Himmel noch mal, wo war ich hier bloß gelandet!?
Dass weder ich noch mein Outfit in dieses Etablissement passten, stand völlig außer Frage. Doch ehe neuerliche Zweifel in mir aufkommen konnten, wurde die Tür des Speiselokals aufgestoßen und eine Kellnerin in Bluse, Rock und weißer Schürze erschien. Als sie mich bemerkte, hob sie die Augenbrauen.
„ Entschuldigen Sie bitte, ich glaube, ich bin hier falsch“, stotterte ich und wollte gerade den Rückzug antreten, da schüttelte sie den Kopf.
„ Ach, woher denn, Kindchen!“, rief sie und musterte mich von oben bis unten. „Sie passen genau auf die Beschreibung. Der junge Herr erwartet Sie schon.“
Mein Herz machte einen Salto, dann stand es still.
Mika. Mika. – Mika!
Vergiss es! Es kann nicht sein! Es ist absurd.
„Wollen Sie Ihre Jacke nicht ausziehen?“, fragte die Kellnerin und deutete ungeduldig auf die Garderobe.
„Lieber nicht“, sagte ich.
„Na, dann kommen Sie endlich. Ich habe schließlich auch noch andere Gäste zu versorgen.“
Wirklich nett, dachte ich. Viiieeel netter als es von außen aussieht. Na, diesem Werner Hübner würde ich was erzählen! Im Moment hatte ich allerdings andere Sorgen. Ich musste unbedingt meine Schnappatmung unter Kontrolle bringen. Außerdem hatte ich angefangen zu schwitzen.
Egal, versuchte ich, mir einzubläuen. Egal. Egal. Egal. – Überhaupt nicht egal. Wenn ich tatsächlich gleich Mika gegenüberstehen sollte, wollte ich mich auf keinen Fall blamieren.
Mit rasendem Herzen trat ich hinter der Kellnerin in das Lokal, und während ich krampfhaft versuchte, mich hinter ihr in Deckung zu halten, ließ ich meinen Blick nervös über die Gesichter der Leute an den Tischen gleiten.

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