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  LESEPROBE  



ZWEILAND - Sternengold und Schattenschwarz








ZWEILAND - Sternengold und Schattenschwarz
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Panther und Drache

In dem Moment, als ihre Blicke sich trafen, verstummte das Brüllen. Laskio stand da wie in den Felsen gehauen und starrte in die goldbraunen Augen des Ungetüms.
„Crismion!“, wisperte er. „Crismion, wach auf!“
Der alte Mann lag noch immer schlafend am Boden. Seine Brust hob und senkte sich unter tiefen gleichmäßigen Atemzügen. Schließlich gab er ein leises Schnarchen von sich und schlug mit einem Ruck die Augen auf.
„Oh, du bist schon da!“, rief er, als er den Drachen bemerkte. Im Handumdrehen war er auf den Beinen. „Sehr gut“, stellte er befriedigt fest. Er ging auf den Drachen zu und strich sachte über dessen glatte, mit unzähligen goldglänzenden Metallschuppen übersäte Haut. „Ich freue mich wirklich sehr.“
Der Drache senkte die Lider, sodass seine wunderschöne, in allen erdenklichen Goldtönen schillernde Iris zur Hälfte bedeckt wurde. Dann hob er den Kopf und blähte seine Nüstern.
Laskio machte einen Satz zurück. „Sieh dich vor“, wollte er dem Alten zurufen, doch im selben Augenblick neigte der Drache den Kopf, feine blauschwarze Rauchwölkchen kringelten sich aus seinen großen Nasenlöchern und ein zärtliches Grunzen entwich seinem riesigen Maul.
„Das ist Lewin“, sagte Crismion und wandte sich zu Laskio um. „Er ist ziemlich wild und ungestüm. Ich habe ihn ein wenig abrichten müssen, damit du auf ihm reiten kannst.“
Laskio sah den Alten ungläubig an. Er musste sich verhört haben.
„ I-ich soll – was?“
„Deinen Speer und den Pfeil kannst du hier in den beiden Hauttaschen verstauen“, fuhr Crismion ungerührt fort. Er bedeutete Lewin in die Knie zu gehen und sich ein wenig zu ihm herunterzuneigen, dann reckte der alte Mann sich auf die Zehenspitzen, drückte den rechten Flügel des Drachens zur Seite und schob seine Finger in eine Art Hautfalte, die dahinter verborgen lag. „Den Bogen trägst du am besten über deiner Schulter“, erklärte er Laskio. „Dann hast du ihn immer griffbereit.“
„Griffbereit …“, wiederholte der Junge tonlos. „Ich verstehe nicht … Warum sollte ich auf diesem Monster reiten? Und wozu brauche ich diese Waffen?“
„Zu deiner eigenen Sicherheit, natürlich“, antwortete Crismion. „Außerdem verfügt dieses Monster, wie du es nennst, über einige zauberische Kräfte, die dir in deinem Kampf sehr nützlich sein werden.“
„ Ich habe nicht die Absicht zu kämpfen!“, erwiderte Laskio bestimmt. „Der Krieg meiner Vorfahren geht mich nichts an. Er ist vorbei, vergangen. Ich habe niemals eine Waffe angerührt.“
„Und was hältst du da in deiner Hand?“, fragte der Alte und deutete schmunzelnd auf den Speer, den der Junge offensichtlich unbewusst auf Lewin gerichtet hatte.
Erschrocken öffnete Laskio die Hand und der Speer fiel scheppernd zu Boden.
„Diese Waffe ist nicht irgendeine Waffe“, erklärte Crismion. Behutsam, fast liebevoll, hob er den Speer auf und untersuchte ihn vom elfenbeinernen Griff bis zu seiner goldenen Spitze nach Schäden, bevor er ihn dem Jungen zurückgab. „Er tötet nur, wenn er töten soll.“
„Was?“, hauchte Laskio. „Willst du damit sagen, dass ich keine Schuld trage, wenn ein Mensch durch diese Waffe hier sein Leben verliert …?“
Der alte Mann strich sich über den grauen Bart. „Die Entscheidung, diesen Speer auf jemanden zu werfen, liegt selbstverständlich allein bei dir“, sagte er.
Der Junge schwieg. Er ließ den langen, schmalen Stab durch beide Hände gleiten, strich über den Elfenbeingriff und begutachtete die äußerst scharfe Spitze. Je bewusster er die Waffe hielt, je schwungvoller er sie in den Handflächen wog, umso vertrauter fühlte sie sich an. Einen Moment lang hatte er sogar das Gefühl, mit ihr zu verschmelzen. Laskio wurde schwindelig. Mühsam riss er seinen Blick von dem Speer los und richtete ihn wieder auf den Alten.
„Warum sollte ich kämpfen? Und wofür?“, fragte er, darum bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben.
Ein grimmiger Ausdruck überzog das faltige Gesicht des alten Mannes. „Hab ich dir das nicht bereits erklärt?“
„Nein“, sagte Laskio.
„Nun gut“, brummte Crismion, „dann muss ich wohl deutlicher werden.“ Er wandte sich von dem Jungen ab und lief ein paar Schritte an der Uferkante entlang. „Es gibt die Schwarzen noch“, sagte er. „Sie existieren wie ihr auch. Weder den Schwarzen noch euch Goldenen ist damals ein eindeutiger Sieg gelungen.“
„Und ihre Herrscher?“, wollte Laskio wissen. „Was ist aus denen geworden?“
„Habt ihr einen, ihr Goldenen?“
„Natürlich! Lord Liedur!“, erwiderte Laskio.
Der Alte verzog keine Miene, sondern sah den Jungen nur stillschweigend an.
„Gesehen habe ich ihn allerdings noch nie“, lenkte Laskio ein. „Und ich weiß auch nicht, ob er irgendjemandem Befehle erteilt – außer einen Teil seiner Erträge an ihn abzuliefern.“
Um Crismions Mundwinkel zuckte es. „Du hast recht“, sagte er. „Den wahren Herrscher über Goldawien gibt es nicht. Was allerdings nicht besagt, dass er nicht mehr existiert.“
„Er ist also noch am Leben?“, fragte Laskio.
Crismion nickte.
„Und der andere? Der Herrscher der Schwarzen?“
„Der auch“, sagte Crismion, während sein Blick in die Ferne schweifte. „Sie sind über die Zeit erhaben, die beiden“, sagte er. „Und sie sind außerordentlich mächtig, viel mächtiger, als du es dir vorstellen kannst.“


Tontio wusste nicht, ob er wachte oder träumte. Nachdem Crismion ihn nach seiner unglaublichen Ankündigung in dem kargen Zimmer zurückgelassen hatte, war er wie betäubt aufs Bett gefallen. Tontio sollte sein Volk retten! Wie stellte der Alte sich das vor? Tontio war ein Junge von fünfzehn Jahren. Außer den Gerätschaften, die ihm für die Schweinezucht zur Verfügung standen, hatte er nie eine Waffe gebraucht. Wie sollte er da eine ganze Armee bewaffneter Männern des goldenen Volkes besiegen? – Er ganz allein?
Oder machte der Alte sich etwa nur einen Spaß daraus, dem Jungen Angst einzujagen? Brauchte er vielleicht ein wenig Zeitvertreib, weil er sich in seinem Haus gegen alle anderen Menschen abgeschottet hatte?
Mit einem Ruck setzte sich Tontio auf. Es war sinnlos, auf dem Bett herumzuliegen und sich das Gehirn zu zermartern.
Warum ging er nicht einfach durch die Tür hinaus, die sich in der gegenüberliegenden Wand befand?
Tontio dachte an seine Mutter, an Tara und an die Schweine, die wie tot daheim im Stall lagen. Er dachte auch an alle anderen Menschen in seinem Land und plötzlich wurde ihm etwas Furchtbares bewusst: Während er dem Fuchs durch den Wald gefolgt war, war ihm tatsächlich keine einzige Menschenseele begegnet!
Tontio erinnerte sich wieder an den Morgen, als er aus dem Haus getreten und alles so ganz anders gewesen war. Dunkel, viel dunkler als sonst. Schattig, dumpf, grau und … still, so schrecklich still.
Der Fuchs hatte offenbar die Wahrheit gesagt: Nicht nur die Vögel, Dachse, Rehe und alle übrigen Tiere schienen in diesen schrecklichen Schlaf gefallen zu sein, sondern auch alle Menschen.
Tontios Herz krampfte sich zusammen. Wenn es sich tatsächlich so verhielt, würden die Männer des goldenen Landes ein leichtes Spiel mit ihnen haben! „Neeiiin!“ Es war ein ohrenbetäubend und verzweifelt lauter Schrei, der seiner Brust entfuhr und von den Wänden zurückgeworfen wurde.
Mit wenigen Sätzen war Tontio bei der Tür. Er zerrte an der Klinke, doch sie ließ sich keinen Millimeter bewegen. Wütend hieb er mit dem Handballen darauf ein und brüllte: „Crismion! … Crismion! Lass mich raus und sag mir endlich, was ich tun soll.“ Er hielt kurz inne, um zu lauschen, dann hämmerte er mit beiden Fäusten gegen die Tür. „Crismiiiooon!“
Sein ganzer Körper brannte vor Zorn. Tontio hasste es, sich ohnmächtig zu fühlen. Noch nie zuvor hatte es jemand gewagt, ihn einzusperren und ihn über sein weiteres Schicksal im Unklaren zu lassen. Er war es gewohnt, die Dinge stets nach seinen Vorstellungen zu regeln. Und das sollte dieser verrückte alte Mann verdammt noch mal endlich einsehen!
Tontio wollte gerade aufs Neue losbrüllen, da fiel sein Blick auf den Kamin. Sein Verstand sträubte sich, als gelte es mit einem Wolf zu kämpfen, doch sein Herz wandte sich voller Gier den Bildern, die sich dort zeigen könnten, entgegen. Und ehe er sich versah, lag er bereits mit dem Kopf im Kaminloch und blickte den Schornstein hinauf. Er sah einen Jungen. Blond und blauäugig und in etwa so alt wie er selbst.
Plötzlich ertönte Crismions Stimme.
„Der Herrscher des goldenen Landes wird nicht eher ruhen, bis er den Herrscher der Schwarzen vernichtet hat.“
„So ist das also“, erwiderte der blonde Junge abfällig. „Wir sind die Bösen. Und die Schwarzen sind die Guten.“
„Du solltest nicht mehr Gewicht in meine Worte legen, als sie dir zu erklären versuchen“, erwiderte die Stimme des Alten.
Der blonde Junge sah feindselig in den Kamin hinunter.
Tontio zuckte zusammen. Galt dieser Blick etwa ihm? Konnte der Junge ihn sehen? Oder war dies nur ihm, Tontio selbst, vergönnt? Plötzlich rauschten unzählige Fragen durch seinen Kopf.
Wer war dieser Junge?
Woher kannte er Crismion?
Wurde das Gespräch, das er gerade belauschte, in genau diesem Moment geführt oder gehörte es der Vergangenheit an? Würde es womöglich erst in der Zukunft stattfinden?
„He!“, rief Tontio.
Der Goldjunge reagierte nicht. Er hatte den Blick bereits wieder abgewandt.
Tontio formte mit den Händen einen Trichter und rief noch einmal: „He, du da! Junge!“
Sein Name ist Laskio, ertönte Crismions Stimme und diesmal erschallte sie in Tontios Innerem.
„Laskio?“, murmelte er. „Wer ist das? Warum sprichst du mit ihm, alter Mann?“
Ich habe ihn aus dem goldenen Land hierher in mein bescheidenes Reich geholt, antwortete Crismion. Genau wie dich.
„ Und was bezweckst du damit?“, fragte Tontio. „Soll ich etwa gegen ihn kämpfen?“
Wenn du dir das zutraust, erwiderte die Stimme des Alten spöttisch.
Tontio lachte auf. „Glaubst du etwa, mir fehlt der Mut?“, entgegnete er. „Dieser Laskio scheint nicht viel älter zu sein als ich.“
Nur unwesentlich, allerdings …
„Was?“, fragte Tontio ungeduldig, als Crismion nicht gleich weitersprach.
Schau nur genau hin!
Tontio hob seinen Blick wieder in den Kamin. Er konnte nun erkennen, wie der Junge aus dem goldenen Land gekleidet war. Er stand neben Crismion in einer Felsenhöhle und war mit einem Speer bewaffnet.
„Das ist unfair“, sagte Tontio. „Das schwarze Volk besitzt keine Waffen.“
Das ist wohl war, antwortete die Stimme in seinem Innern. Nachdem der Krieg vorüber und die Mauer errichtet war und die Herrscher der beiden Länder sich aus der Gegend zurückgezogen hatten, haben die Männer deines Landes beschlossen, sämtliche Waffen zu vernichten und nie wieder Krieg zu führen.

Tontio schnaubte verächtlich. „Eine etwas überstürzte Entscheidung, wie man jetzt sieht.“
Du handelst auch nicht immer überlegt, erwiderte Crismion.
Tontio schwieg. In seinem Herzen wusste er, dass der Alte recht hatte.
„ Und was ist mit den Herrschern, die den Krieg zu verantworten hatten?“, fragte er schließlich. „Wohin sind die verschwunden?“
Nun, darauf lässt sich nicht so leicht antworten, erwiderte der alte Mann. Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass der Herrscher der Goldenen zurückkommen wird und …
„… mein Land endgültig besiegen will“, vollendete Tontio Crismions Ausführungen. Er lachte bitter. „Er wird ein leichtes Spiel haben, wenn er mit einer gut bewaffneten goldenen Armee in ein schlafendes Land einfällt.“
Erwähnte ich nicht bereits, dass du dies verhindern willst …?
„Pah!“, schnaubte Tontio. „Unbewaffnet wie ich bin?“
Wer behauptet das?
„Verdammt noch mal, Crismion, ich weiß, was ich besitze!“, entfuhr es Tontio. „In erster Linie sind es Schweine …“
Laskio ist Gänsehirt, wenn ich das bemerken darf, erwiderte die Alte.
„Aber er trägt einen Speer.“
Ja, und Pfeil und Bogen, ergänzte Crismion. Außerdem reitet er auf einem Drachen.
„Auf einem Drachen?“, stieß Tontio hervor. Im ersten Moment glaubte er noch, der Alte wollte sich über ihn lustig machen, dann aber durfte er mit eigenen Augen sehen, wie Laskio auf ein großes goldglänzendes Tier zuging. Es hatte einen riesigen Kopf, eine lange breite Schnauze und tellergroße kugelrunde Nüstern.
Tontio unterdrückte einen Aufschrei. Er stieß sich von den Kaminwänden ab und rutschte ins Zimmer zurück.
Aber mach dir keine Gedanken, hörte er Crismion sagen. Dir werde ich Tarius zur Seite stellen. Außerdem bekommst du ein Schwert und einen Satz Wurfsäbel von mir. Du findest alles in deinem Zimmer vor.
In meinem Zimmer, dachte Tontio noch, während er sich aufsetzte, da blickte er bereits in ein grünes Augenpaar, das ihn gefährlich anblitzte.
Tontio hörte auf zu atmen. Er wagte nicht, auch nur die kleinste Bewegung zu machen. Wie versteinert saß er auf dem kalten Boden und starrte den nachtschwarzen Panther, der ausgestreckt vor seinem Bett lag, an.
Die schwarze Katze blinzelte. Sie leckte sich mit ihrer großen rosa Zunge über das Maul. Dann ließ sie ihren Kopf zu Boden sinken und fing an zu schnurren.
In Tontios Innerem ertönte ein leises Lachen. Er liebt es besonders, wenn man ihm die Backen krault, sagte Crismion.
Ich werde ihm weder die Backen noch sonst irgendetwas kraulen, dachte Tontio entsetzt. Ich will sofort hier raus!
Du weißt selbst, dass das unmöglich ist.
Nicht, wenn du mir die Tür öffnest, erwiderte Tontio in Gedanken. Er war erleichtert, dass Crismion ihn offenbar auch so verstand und er in Gegenwart der Raubkatze nicht laut sprechen musste.
Die Tür öffnet sich ganz von selbst, meinte der Alte gelassen. Und zwar genau in dem Moment, in dem du deine Waffen aufgehoben und dich auf Tarius’ Rücken gesetzt hast.
Einen Teufel werde ich tun!, dachte Tontio.
Noch immer wagte er nicht, auch nur einen Muskel zu rührn. Angespannt taxierte er den Panther. Auf dem Boden, unmittelbar neben seinen riesigen Vordertatzen, lagen ein Schwert und drei Wurfsäbel.
Alle Waffen bestanden aus schwarzem Metall. Die halbmondförmigen Säbel waren nadelspitz und ihre Griffe aus glänzend poliertem Ebenholz kunstvoll geschnitzt. Das Schwert steckte in einer mit funkelnden Edelsteinen besetzten Scheide und sein Griff war ebenfalls aus Ebenholz gefertigt. Tontio spürte den unwiderstehlichen Drang, ihn zu berühren.
Sein Blick fiel auf den Kopf des Panthers. Tarius hatte seine Augen geschlossen.
Es ist schön zu sehen, dass du so wachsam bist, neckte Crismion ihn. Dennoch hätte ich nichts dagegen, wenn du deinem Wagemut nachgeben würdest. Laskio hat Lewins Rücken schon bestiegen. Sie werden gleich die Höhle verlassen und zu einem kleinen Probeflug aufbrechen.
Tontio fluchte leise. Es nagte an seinem Herzen, dass der Goldene dort drüben in der Felsenhöhle weniger furchtsam zu sein schien als er selbst. Wie sollte er denn mit dieser Haltung sein Land verteidigen?
So gefällst du mir, hörte er Crismion sagen.
Kannst du nicht mal für einen einzigen Moment deinen Mund halten?, erwiderte Tontio ungehalten.
Crismion lachte. Bitte sehr! Wenn du meinst, dass das nötig ist.
Der Junge schnaufte. Die Frage, ob Laskio seinen Probeflug bereits angetreten hatte, verkniff er sich. Er konnte den Spott des Alten nicht mehr ertragen. Alles, was er wollte, war, sich aus dieser vertrackten Situation befreien. Tontio richtete seinen Blick auf das Schwert. Ob er es schnell genug aus der Scheide ziehen konnte? So schnell, dass er es dem Panther in die Brust rammen könnte, sobald dieser aufsprang?
Tontio hielt den Atem an, schlug die Beine unter und hob sich in den Vierfüßlerstand. Den Panther fest im Visier tastete er sich langsam auf das Schwert zu. Als er den schwarzen Griff berührte, hob Tarius eines seiner Lider. Tontio sah, wie sich die dicke schwarze Pupille zu einem Schlitz verengte. Das Grün der Iris leuchtete wie ein riesiger Smaragd.
„Was willst du von mir?“, flüsterte der Junge. „Wie kommst du überhaupt in dieses Zimmer?“
Der Panther gähnte und gab den Blick auf vier mächtige säbelförmige Eckzähne und ein kräftiges Mahlwerk frei. Tontio schauderte. Er wusste nicht, wovor er mehr Respekt hatte: vor den messerscharfen Krallen an den riesigen Pranken oder vor diesen Zähnen.
Er streckte die Finger aus und zog das Schwert vorsichtig zu sich heran. Sein Herz klopfte schnell und laut. Fast glaubte er, es von den Zimmerwänden widerhallen zu hören, und als er den Griff des Schwerts umfasste, pulsierte dieser heiß in seiner Hand. Die Klinge blitzte auf, und ohne dass Tontio etwas dazu tun musste, richtete sich die Schwertspitze haargenau auf die Stelle zwischen Tarius’ Augen.
Ich wollte dein Herz treffen, dachte er. Nicht deinen Schädel.
Du willst ihn überhaupt nicht treffen, hörte er Crismion sagen. Schließlich brauchst du ihn, um selbst am Leben zu bleiben. Diesmal klang er nicht spöttisch. Und jetzt beeil dich. Laskio hat den Probeflug bereits hinter sich.
Pah!, erwiderte Tontio. Wer garantiert mir, dass du die Wahrheit sagst? Vielleicht willst du mich nur provozieren.
Es tut nichts zur Sache, ob du mir glaubst oder nicht“, sagte der Alte. Du musst dich entscheiden. Und zwar – jetzt.
Tontio wollte protestieren. Er spürte einen kräftigen Druck unter dem Brustbein. Sein Hals schwoll an. Im nächsten Augenblick wurden seine Lippen auseinandergerissen und ein einziges Wort drang machtvoll aus seiner Kehle in den Raum. „Tarkontir!“ brüllte er so laut, dass es von den Wänden widerhallte.
Der Panther sprang auf, ergriff die Wurfsäbel mit seinen Zähnen und schleuderte sie Tontio vor die Füße. Seine smaragdgrünen Augen funkelten ihn kampfeslustig an. Dann drehte er sich um und senkte seinen Rücken zu Boden.
Steig auf!, befahl Crismion.
Ich dachte, ich soll entscheiden, erwiderte der Junge.
Das hast du längst.
Du hast mich gezwungen!
Es steht nicht in meiner Macht, deinen Willen zu beugen, erwiderte der Alte. Und jetzt tu, was du zu tun hast!
Tontio schüttelte den Kopf. Dieses Wort – Tarkontir – was bedeutet es?
Hör endlich auf, Fragen zu stellen. Handele! Crismion klang sehr ungehalten.

Tontio hatte plötzlich das Gefühl, dass ihn jemand von hinten am Kragen packte. Er wurde hochgehoben und so, als wäre er nichts weiter als ein Spielzeug, auf den Rücken des Panthers gesetzt. Ehe er sich versah, waren die Wurfsäbel vom Boden in seine Hand geflogen.
Tarius drehte den Kopf zur Seite und fauchte. Dann setzte er zum Sprung an.

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