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  LESEPROBE  



Neumondkuss -ZUR LESEPROBE






Neumondkuss
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Nachdem sie sich mit Anna zu einem abendlichen Projekttelefonat verabredet hatte, überquerte Jolin mitten im dichtesten Verkehrsstrom die vierspurige Lessingallee, huschte über den kleinen Parkplatz auf der gegenüberliegenden Seite und bog in das Mühlengässchen ein.
Es war ein seltsames Gefühl, nach so langer Zeit wieder hier zu sein. Das letzte Mal hatte Jolin diese Gasse und das kleine Antiquariat vor ungefähr drei Monaten besucht, und damals hatte sie dort nicht den dünnen alten Inhaber Ansgar Lechtewink angetroffen, sondern Ramalia, Roubens Mutter – und eigentlich hatte sie gedacht, dass sie nie wieder hierherkommen würde.
Jolin verzögerte ihren Schritt. Langsam ging sie an den windschiefen Häusern mit den schmucken Ladenlokalen vorbei, atmete den Duft von frisch gebackenem Mohnkuchen ein, der der kleinen Bäckerei entströmte, und stand schneller vor dem Antiquariat als sie es erwartet hatte.
Als ob es mir entgegengekommen wäre, schoss es Jolin durch den Kopf. Oder mich jemand von hinten angeschoben hätte. Ein verrückter Gedanke! Amüsant und unheimlich zugleich.
Nachdenklich betrachtete Jolin die Auslage in dem kleinen, vom letzten Regen noch etwas schmutzigen Fenster. Ob sie wohl etwas für Carina finden würde? Alte Bücher waren nicht jedermanns Geschmack, andererseits konnte man nur hier noch seltene kleine Schätze entdecken. Und sie wollte Carina schließlich etwas Besonderes mitbringen.
Entschlossen setzte sie ihren Fuß auf die Steinstufe und öffnete die Tür. Die Glocke läutete, und Jolin richtete ihren Blick sofort auf den alten verschnörkelten Holztresen, auf dem neben einigen Bücherstapeln die imposante vorsintflutliche Registrierkasse stand, die noch mit einer Handkurbel bedient werden musste. Der Laden war leer, und trotzdem hatte Jolin sofort das Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden.
Sie reckte den Hals und spähte an der Kasse vorbei.
„Herr Lechtewink? Sind Sie da?“
„Ja, ja“, erwiderte eine etwas genervte Stimme, die Jolin noch nie gehört hatte. „Sehen Sie sich ruhig schon ein wenig um. Ich komme gleich, um Ihnen bei der Auswahl behilflich zu sein.“ Es war eindeutig eine Männerstimme, aber es war keinesfalls die von dem Antiquar, den sie kannte.
Jolins erster Reflex war, den Laden so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Ohnehin war es ein törichter Einfall gewesen, ausgerechnet hier noch mal herzukommen. Genauso gut hätte sie auch der alten Burgruine einen Besuch abstatten können. Und dort kriegten sie garantiert keine zehn Pferde mehr hin.
Doch Jolin wollte auch nicht feige sein. Das Mühlengässchen war zwar ein Relikt aus den letzten Jahrhunderten, aber es lag immerhin mitten in der Stadt. Und man konnte es auch nicht unbedingt als unbelebt bezeichnen.
Hastig wandte Jolin sich dem Fenster zu und warf einen Blick auf die schmale, mit Katzenköpfen gepflasterte Straße hinaus. Gerade ging eine Gruppe fröhlich schnatternder junger Frauen vorbei. Und auf der anderen Seite standen zwei Männer und ein älteres Ehepaar mit einem kleinen Hund und unterhielten sich miteinander.
Plötzlich hörte sie hinter sich ein Geräusch. Es klang wie ein Rascheln, dem ein paar schnelle Schritte folgten.
Jolin wirbelte herum und bemerkte einen Schatten, der sich blitzschnell hinter die Kasse duckte. Nur den Bruchteil einer Sekunde später kroch eine feine eisige Kälte in ihre Hosenbeine, leckte an ihren Knöcheln und tastete sich an ihren Waden entlang nach oben. Im ersten Moment glaubte Jolin, ohnmächtig zu werden. Wie hypnotisiert starrte sie auf die schwarze Registrierkasse. Ihr Herz raste, ihre Muskeln waren gespannt wie Drahtseile und das Atmen tat ihr weh. Raus hier!, schrie alles in ihr. Sofort raus!
Doch ihre Neugier war stärker. Jolin musste nachsehen, wer sich hinter dem Tresen versteckte. Sie musste sicher sein können, dass die Erinnerung ihr nur einen Streich spielte, dass es bloß wieder ihre Angst war, die all diese Ereignisse inszenierte, keine Realität also, sondern nur ein Abbild ihrer Furcht.
Sie zitterte am ganzen Körper, als sie langsam, Schritt für Schritt, auf die Registrierkasse zuging. Weiter!, zwang sie sich in Gedanken, nicht überlegen, nicht zögern, sondern gehen, gehen, gehen … Und dann stand sie vor dem Tresen. Sie hätte sich nur ein wenig nach vorn beugen und in die Dunkelheit auf der anderen Seite spähen müssen, aber das, was sie sich so fest vorgenommen hatte, brachte sie nun in dieser letzten entscheidenden Sekunde doch nicht fertig.
Jolin machte eine Kehrtwende. Sie spürte die eisige Kälte an ihren Knien und Panik krallte sich wie ein kleiner Teufel in ihrem Nacken fest. „Rouben!“, brach es verzweifelt aus ihrer Kehle hervor. Sie stolperte zur Tür und flog geradezu auf den Bürgersteig hinaus.
Die Kälte glitt von ihren Beinen ab und erzeugte einen eisigen Sog, der einen kleinen Zettel durch den Spalt der zufallenden Tür stieb und um Jolin herumwirbelte.


las Jolin, nachdem der Zettel sanft hin und her tänzelnd zu Boden geschwebt war und schließlich vor ihr auf den Pflastersteinen liegen blieb. Die dunkelroten Lettern erinnerten sie an getrocknetes Blut und Jolin erkannte auf den ersten Blick, dass es sich um dieselbe Schrifttype handelte wie in der Prophezeiung.
Wie in Trance hob sie den Zettel auf, schob ihn in ihre Manteltasche und rannte los.

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from: klarisse
to: r. v. (v-r@gmx.de)
subject: re: noch da?

hallo tod, wo steckst du? du bist doch nicht etwa beleidigt?

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from: r. v.
to:
klarisse@hexe.de
subject: re: noch da?

sorry, aber ich musste mich ein wenig um mein nächstes opfer kümmern …

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from: klarisse
to: r. v. (v-r@gmx.de)
subject: re: noch da?

interessant! – verrätst du mir, wer die unglückliche ist?

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from: r. v.
to: klarisse@hexe.de
subject: re: noch da?

du bist ganz schön naiv

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from: klarisse
to: r. v. (v-r@gmx.de)
subject: re: noch da?

entschuldige, aber ich glaube, ich kann dir nicht ganz folgen


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from: r. v.
to: klarisse@hexe.de
subject: re: noch da?

das musst du auch nicht

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from: klarisse
to: r. v. (v-r@gmx.de)
subject: re: noch da?

okay, dann streichst du meine daten vielleicht besser aus deinem gedächtnis

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from: r. v.
to: klarisse@hexe.de
subject: re: noch da?

ach, meine schöne, wenn du nicht ein so wundervolles wesen wärst und deine seele nicht so vielschichtig und mir in vielerlei hinsicht so ähnlich wäre, würde ich mir ja gar nicht die mühe machen, dich in meine pläne einzuweihen

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from: klarisse
to: r. v. (v-r@gmx.de)
subject: re: noch da?

ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du dich einen tick klarer ausdrücken könntest


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from: r. v.
to: klarisse@hexe.de
subject: re: noch da?

du wirst mir noch für ganz andere dinge dankbar sein


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from: klarisse
to: r. v. (v-r@gmx.de)
subject: re: noch da?

zum beispiel?


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from: r. v.
to: klarisse@hexe.de
subject: re: noch da?

dafür, dass ich dich verschone …

Es gibt Dinge, die sind so unmittelbar spürbar präsent, dass sie sich nicht wirklich zeigen müssen, um von ihrer Existenz zu überzeugen.
In dem Augenblick jedenfalls, als ich den Motor ausgestellt und den Schlüssel abgezogen habe, weiß ich, dass Jolin sich nicht geirrt hat.
Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen in der Lage bin, Wärme und Kälte voneinander zu unterscheiden, vielleicht ist mir aber auch meine alte Welt einfach noch allzu vertraut, um deren Unbarmherzigkeit überhaupt übersehen zu können.
Es ist nicht das Haus, nicht das Grundstück. Im Gegenteil, beides wirkt still und friedlich und trotz der offensichtlichen Mängel beinahe einladend.
Ich starre es an, suche mit meinem Blick die dunklen Fenster ab und versuche gleichzeitig, die Gefühle und Gedanken, die in mir toben, zu beschwichtigen. Denn ich muss eine Entscheidung treffen, bevor es zu spät ist.

Erst als Jolin in der U-Bahn saß, kam sie allmählich wieder zu sich. Die beiden Frauen auf der Bank gegenüber musterten sie unverhohlen, offenbar merkte man ihr an, dass sie ziemlich durcheinander war.
Der Zettel brannte in ihrer Manteltasche. Hastig strich Jolin darüber, um sich davon zu überzeugen, dass er nicht tatsächlich jede Sekunde in Flammen aufging, doch der helle Steppstoff fühlte sich genauso kühl an wie sonst auch.
„… ein Wesen von besonderer Gabe … aber immer einen Teil der Dunkelheit …“, murmelte sie vor sich hin, und mittlerweile war es ihr egal, dass beide Frauen sie anstarrten. Jolin musste nicht darüber nachdenken, was diese Worte bedeuteten. Die entscheidende Frage war doch: Wer hatte ihr diesen Zettel zugespielt? Und warum? Ramalia konnte es nicht gewesen sein, sie war tot, im Sonnenlicht zu Staub zerfallen. – Zumindest wenn sie Rouben glaubte. Und aus welchem Grund sollte sie das nicht tun?
Jolins Finger zitterten, als sie die Umhängetasche nach ihrem Handy durchwühlte. Sie würde ihn anrufen und fragen. Sie kannte ihn nun lange, vor allem aber intensiv genug. Wenn er sie anlog, würde sie es merken.
Ein Wesen von besonderer Gabe … Welche Gabe?
Jolin ertastete das Handy, zog es hervor und schob es auf. Sie holte Roubens Nummer aus dem Speicher und drückte die Wahltaste. Nach dem dritten Klingelzeichen meldete sich die Mailbox. „Bitte ruf mich an, ich muss mit dir reden“, hauchte sie, kappte sie Verbindung und ließ das Handy in die Tasche zurückgleiten.
Jolin sah aus dem Fenster. Der dunkle U-Bahnschacht, ein dicker Kabelstrang und ein paar quarderförmige Stützpfeiler rasten vorbei, in den Scheiben spiegelten sich die blassen, teilnahmslosen Gesichter der Fahrgäste. Kaum einer redete, viele hatten sich durch die Kopfhörer ihrer MP-3-Player von der Außenwelt abgeschottet, die meisten wirkten müde und unglücklich.
Jolin schloss die Augen. Sie wollte nicht an Vincent denken, aber er drängte sich mit aller Macht in ihren Kopf. Die eisige Kälte und dieses gierige Tasten auf ihrer Haut. – Das konnte nur er gewesen sein.
Vincent war die Kälte, Ramalia die Hitze und Rouben die Liebe. So einfach und doch so kompliziert.
Vincent war in die Welt der Untoten zurückgerissen worden. Er konnte nicht mitten am Tag in der Gegend herumlaufen und ihr irgendwelche Zettel hinterherwerfen. Er hatte keinen Zugriff mehr auf sie. Rouben hatte die Prophezeiung erfüllt, der Spuk war vorbei. – Das zumindest hätte sie sich gerne eingeredet.
Und wenn es gar nicht Vincent war, sondern irgendjemand anderer aus der Welt der Vampire, genauso kalt wie er, überlegte Jolin weiter. Jemand, der sie warnen wollte, der es gut meinte und sie daran erinnerte, dass Rouben die Welt, aus der er kam, niemals ganz vergessen würde … und sie ihm somit auch niemals ganz vertrauen durfte? Nein, Letzteres sprach eher für Missgunst, dafür, dass jemand aus der kalten Welt sie um das Glück mit Rouben beneidete. Jemand, der ihr aber hoffentlich nur Angst machen und nicht wirklich etwas antun wollte oder konnte.
Der schrille Ton ihres Handys riss sie jäh ins Hier und Jetzt zurück. Jolins Puls schnellte nach oben, hektisch wühlte sie das Handy hervor, registrierte Roubens Namen auf dem Display und atmete erleichtert auf. Wem sollte sie vertrauen, wenn nicht ihm?
„Jol, was ist passiert?“
Seine Stimme klang dunkel und warm.
„Kannst du bitte zu mir nach Hause kommen?“
„Jetzt sag mir doch erst mal, was los ist.“
„Nein, nicht jetzt … Ich sitze in der U-Bahn, ich …“
„Jolin, bitte!“
„Okay …“ Sie zögerte. Sie hörte ihr Herz klopfen und sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. „Es ist wieder etwas passiert …“, presste sie schließlich hervor.
„Etwas passiert?“, erwiderte Rouben ein wenig ungeduldig. „Was meinst du damit?“
„Leo …“
„Was ist mit ihm?“
„Er denkt immer noch, dass du ein Vampir bist.“
Die letzten drei Wörter waren nur ein Flüstern, und dennoch hatte Jolin das Gefühl, dass die beiden Frauen ihr gegenüber jede Silbe verstanden hatten. Sie hörte Rouben leise lachen. „Dieser verrückte, unverbesserliche Kerl.“
„Das ist nicht witzig“, sagte Jolin. „Er denkt nämlich auch, dass ich …“
„Was? Du auch? – Oh, dann sollten wir uns morgen vielleicht Hand in Hand ins Sonnenlicht stellen und vor seinen Augen zu Staub zerfallen.“
„Rouben …“, das ist wirklich nicht witzig, wollte sie wiederholen, doch sie merkte, dass seine Heiterkeit ihre Anspannung ein wenig löste. „Ich meine das ganz ernst“, fuhr sie fort. „Er könnte es rumerzählen.“
„Soll er. ’ne Weile ist das vielleicht interessant, aber das verläuft sich auch wieder. Schon bald werden alle merken, dass wir ein ganz normales Pärchen sind. Total aufeinander fixiert und vollkommen ungefährlich für die anderen.“
„Ich liebe dich“, wisperte Jolin.
„Was hast du gesagt?“
„Ich liebe dich.“
„Kannst du nicht lauter sprechen?“, erwiderte Rouben. „Ich verstehe dich wirklich kaum.“
„Hey, ich sitze in der U-Bahn!“
„Es darf also keiner wissen, dass du mich liebst?“, fragte er provozierend.
„Doch, natürlich, aber …“
„Wer sitzt dir gegenüber?“, unterbrach Rouben sie.
„Zwei Frauen.“
„Wie alt?“
„Schwer zu schätzen. Vielleicht dreißig oder fünfunddreißig.“
„Ich wette, sie sehen frustriert aus“, sagte Rouben.
Jolin kicherte. „Stimmt. Sie scheinen tatsächlich sehr unglücklich zu sein.“
„Und du?“, fragte er rau. „Bist du auch unglücklich?“
„Nein, Rouben, aber ich muss trotzdem mit dir reden.“
Offenbar dachte er nicht daran, darauf einzugehen. „Du bist also glücklich?“, fragte er stattdessen eindringlich.
„Ja, im Prinzip schon.“
„Bist du’s oder bist du’s nicht?“
„Ich bin’s.“
„Und warum?“
Seine Stimme war jetzt so warm und weich wie dunkelblauer Samt.
Jolin schluckte. Sie hätte losheulen können. Und zwar weil sie alles war: glücklich und unglücklich, mutig und panisch, gelöst und angespannt. „Weil du mich liebst“, krächzte sie leise.
„Willst du’s hören?“, fragte Rouben ebenso leise.
„Mhm.“
„ Ich liebe dich“, sagte er zärtlich. „Und jetzt halt mal dein Handy hoch“, forderte er sie auf, „damit die anderen, die Frustrierten es auch hören können.“
„Du bist ja verrückt“, sagte Jolin.
„Natürlich bin ich das“, sagte Rouben. „Verrückt nach dir.“
Jolin schloss die Augen und schmiegte ihre Wange gegen das Handy. Nichts wünschte sie sich in diesem Augenblick sehnlicher, als dass er hier bei ihr wäre, anstelle der beiden verkniffenen Frauen auf der Bank gegenüber säße, ihr sein unwiderstehliches Lächeln schenkte und das Bernsteinfunkeln aus seinen Augen.
„Bitte alle mal herhören!“, schmetterte Rouben in ihr Ohr.
„Autsch!“ Jolin riss die Augen wieder auf und das Handy ein Stück von ihrem Ohr weg.
„Selber schuld“, sagte Rouben neckend.
„Aber ich kann doch nicht …“, wollte Jolin widersprechen.
„Natürlich kannst du. Los, jetzt mach schon.“
Zögernd hob Jolin das Handy in die Höhe und senkte zugleich peinlich berührt den Kopf.
„Hallo, du traurige Welt da draußen“, ertönte Roubens Stimme über ihr. Sie war nicht besonders laut und klang zudem ziemlich verzerrt, dennoch drehten sofort alle, die in unmittelbarer Nähe standen oder saßen, ihre Gesichter zu ihr hin. „Ich liebe Jolin Johansson. Das ist dieses wunderschöne blonde Mädchen hier vor ihnen!“, rief Rouben. „Ich liebe sie über alles!“
Ein Raunen ging durch das Abteil. Jolin hob den Blick und sah, dass einige von den Leuten, die eben noch blass und müde wirkten, nun strahlende Augen und ein Lächeln auf dem Gesicht hatten. Einige tuschelten miteinander, manche lächelten sie an und ein junger Türke, nicht viel älter als sie, hob lachend den Daumen und zwinkerte ihr zu.
So einfach war das also.
„Nächste Woche fahre ich mit einem Megaphon durch die Stadt“, sagte Rouben, nachdem Jolin das Handy wieder gegen ihr Ohr gedrückt hatte.
„Untersteh dich!“
„Für dich würde ich noch ganz andere Dinge tun.“
„Ach, Rouben“, seufzte Jolin. „Ich wünschte wirklich, du …“
Er ließ sie nicht ausreden. „Bei allem, was ich tue, denke ich immer nur an dich“, sagte er. „Du bist in meinen Gedanken und in meinem Herzen, bis ich einschlafe. Und sobald ich eingeschlafen bin, träume ich von dir. Ich bin wirklich immer bei dir, Jol.“ Er seufzte ebenfalls. „Trotzdem kann ich es kaum erwarten, dich morgen früh endlich wieder in die Arme zu nehmen. Ich warte vor dem Haus auf dich. Bitte sei pünktlich, ja?“

Jolin war pünktlich. Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugekriegt und sah schrecklich aus. Zum Glück war Paula ganz gegen ihre Gewohnheit noch nicht auf gewesen, als Jolin in die Küche kam. Und Gunnar war wie fast immer schon längst aus dem Haus.
Jolin hatte ein Glas Milch getrunken und etwas Obst eingesteckt. Sie war in ihren Mantel geschlüpft und die acht Treppen bis ins Erdgeschoss hinuntergestürzt.
Rouben hatte eine Lücke direkt vor der Tür gefunden. Er lehnte an seinem Wagen und lächelte sie an.
„Rouben, wir müssen wirklich reden!“, platzte Jolin heraus.
„Schsch“, murmelte er und küsste sie sanft. Dann schloss er seine Arme um sie und drückte sie an sich. Sein Gesicht sank in ihre Halsbeuge und sein warmer Atem drang in den Ausschnitt ihres Pullis und rieselte über ihre Haut.
„Ich will dich nicht verlieren“, wisperte Jolin. „Niemals.“
Ihre Hände fuhren über seinen Rücken.
„Du wirst mich nicht verlieren“, flüsterte Rouben. „Niemals.“
Er sagte es voller Überzeugung, und trotzdem klang es zum ersten Mal so,
als ob er seinen eigenen Worten nicht traute.

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